Berufsethos / Selbstverpflichtung

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Berufsethos / Selbstverpflichtung der Mitglieder des Berufsverbandes Philosophische Praxis

Satzungsmäßiger Zweck des Berufsverbands Philosophische Praxis ist die Interessenvertretung der in der Philosophischen Praxis berufsmäßig Tätigen. Wichtige Mittel zur Realisierung dieses Zwecks ist die Qualifikation und (Weiter-)Bildung von Philosophischen Praktikern und die Etablierung von Philosophischer Praxis als einer spezifischen berufsmäßigen Form des Philosophierens.

Derzeit arbeitet der Vorstand an Eckpunkten für ein „Berufsethos“ bzw. einer Selbsverpflichtung der Mitglieder des BV-PP, das sich hauf das öffentliche und/oder berufliche Auftreten eines Philosophischen Praktikers (wobei die Vermutung ausgesprochen sei, dass der Philosophische Praktiker als Privatperson nicht wesentlich anders agieren wird) bezieht.

Inhalte deses Berufsethos, das erstmals im Mai 2018 mit den Mitgliedern diskutiert wurde, sind folgdene Dimensionen

I. Unser Verständnis von Philosophischer Praxis

II. Grundhaltungen des Philosophischen Praktikers

III. Grundlegende Voraussetzungen eines Philosophischen Praktikers / Was befähigt einen Philosophischen Praktiker / „Handwerkszeug“

IV. Verwurzelt sein in der philosophischen Tradition

Selbstverpflichtung der Mitglieder des Berufsverbandes für Philosophische Praxis

I. Unser Verständnis von Philosophischer Praxis

  1. Der wesentliche Aspekt von Philosophischer Praxis im Sinne des Berufsverbands Philosophische Praxis ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich selbst und anderen Menschen Rechenschaft über das eigene Tun und Handeln zu geben - also dem Ideal des klassischen logon didonai des platonischen Sokrates nachzueifern. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass Philosophie immer ein Synphilosophein, ein gemeinsames und gemeinschaftliches Philosophieren im Dialog ist und dass auch (und vielleicht sogar gerade) die Philosophierenden sich nicht in ihre Denkerstube zurückziehen, sondern ihre Gedanken öffentlich machen sollten. Die Sorge um die res publika und mithin die unvermeidliche und auch aktive Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben gehört nach Überzeugung des Berufsverbands Philosophische Praxis zur Grundstruktur eines philosophischen Lebens dazu. Selbstsorge und Fremd(für)sorge, Selbstbildung und Selbstkultivierung sowie die Frage nach dem guten und gelingenden Leben sind die essentiellen Momente des philosophischen Daseins.
  2. Auf der formalen Ebene betrachtet der Berufsverband Philosophische Praxis als eine Grundlage eines Bildungs- und Beratungsberufs. In diesem Beruf arbeitet der Philosophische Praktiker mit Gästen in unterschiedlichen Settings.
  3. Auf der inhaltlichen Ebene heißt Philosophische Praxis für den BV-PP die Begleitung der Selbstaufklärung von Menschen in Fragen nach dem Guten Leben durch einen Philosophen. Oder anders ausgedrückt: Durch Philosophische Praxis werden Fragen, Denkweisen und Einsichten (d.h. die jeweils eigene Lebensphilosophie des Gastes) sinngebend für den Gast erfahrbar gemacht. Dies bedeutet, dass der Philosoph mit seinen Gästen in einen Prozess des Philosophierens eintritt, der – nach Novalis – die Beteiligten „vivifiziert“ und „dephlegmatisiert“. Der Philosophische Praktiker hilft seinen Gästen dabei, „die Lampe höher zu hängen“ und andere Perspektiven aufzuzeigen.
  4. Zentrum Philosophische Praxis ist die Person des Philosophischen Praktikers. Der Philosoph realisiert Philosophische Praxis in unterschiedlichen Formen und Formaten. Der Philosophische Praktiker ist seinem Gast gegenüber immer Mensch (Betroffener und Mitmensch) und Philosoph (Außenperspektive und „Fremder“).

II. Grundhaltungen des Philosophischen Praktikers

  1. Philosophische Praxis achtet die Individualität und Würde des Gastes. Sie ist geprägt von Verantwortung gegenüber Gästen, der Gesellschaft und gegenüber sich selbst.
  2. Philosoph zu sein heißt, sich und anderen Rechenschaft über das eigene Handeln geben zu können. Dies beinhaltet das Handeln im Umgang mit Gästen als auch das Handeln in Bezug auf die eigene persönliche Lebensführung.
  3. Philosophische Praxis hat den Anspruch, undogmatisch und unideologisch zu philosophieren, ohne dabei beliebig zu sein. Der Praktiker ist sich seiner Wurzeln bewusst weiß, durch welche „Brille“ er die Welt sieht und bringt diese Perspektive als eine mögliche mit in das Gespräch ein.
  4. Die Arbeit mit Gästen gestaltet der Philosophische Praktiker dialogisch. Er ist nicht Experte für die Antworten auf Lebensfragen, aber er ist Experte für die Fragen nach Lebensantworten.

III. Grundlegende Voraussetzungen eines Philosophischen Praktikers / Was befähigt einen Philosophischen Praktiker / „Handwerkszeug“

  1. Zentrales Anliegen eines Philosophischen Praktikers ist das Interesse am Menschen und die Freude an der Begegnung.
  2. Grundlage Philosophischer Praxis ist Bildung. Dies beinhaltet eine begegnungsoffene und neugierige Haltung.
  3. Der Bildungsprozess unterstützt die Lebensklugheit.
  4. Die Begegnung befähigt den Gast, seinen Weg durch das Leben zu finden und ihn somit bei der Orientierung zu unterstützen.
  5. Die Philosophische Praktikerin verfügt über differenziertes Handwerkszeug (z.B. eine gute Gesprächsführung, Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion, Selbsterkenntnis).
  6. Der Philosophische Praktiker steht mit anderen Philosophischen Praktikern in regelmäßigem kollegialen Austausch, besonders im Sinne kollegialer Intervision bzw. Supervision und ist in der Lage, angemessen mit Kritik umzugehen.

IV. Sich immer tiefer in der philosophischen Tradition verwurzeln und der kulturellen Amnesie entgegenwirken

  1. Die Tätigkeit als Philosophischer Praktiker setzt in der Regel ein Studium der Philosophie und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen der Philosophie und angrenzender Bereiche voraus.
  2. Der Philosophische Praktiker beschäftigt sich mit den Inhalten der Philosophiegeschichte bis hinein in die Gegenwart und versucht sie sich aus der Perspektive Lebenswirklichkeit heraus anzueignen, sie fruchtbar zu machen und lebendig zu erhalten. Philosophische Praxis erschöpft sich bei Weitem nicht im philologischen oder historischen Studiun, sondern erfordert eine existentielle Auseinandersetzung mit den Fragen der Philosophiegeschichte.
  3. Im Sinne des sokratischen „Sich-Rechenschaft-Ablegens“ sollte jeder Philosophische Praktiker sein Handeln in Hinblick auf die Tradition immer wieder von Neuem legitimieren können: Was ist das genuin Philosophische meines Tuns?

Entwurf, Stand 8/2018

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